from Gustav and Minna Wächter, April 20 1940

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Meine Lieben!
In dieser Woche haben wir von Euch noch keine Post bekommen, auch von den Brüdern ist nichts eingelaufen. Hast Du nun lieber Walter, die Arbeitsgenehmigung erhalten u. ist auch Dein Paß verlängert worden?
    Im Augenblick ist überhaupt nichts Neues zu berichten, es geht uns nach wie vor gut. Heute Nachmittag sind wir bei Blumenthals eingeladen u. morgen kommt Familie Prall zu uns. Er war ja infolge einer Verstauchung des linken Armes 6 Wochen arbeitsunfähig.
    Bekommt Ihr dort zu Ostern auch Matzots? Wir haben in diesem Jahre keine.
    Von dem Film „Der Opernball“ hatten wir uns mehr versprochen. Gewiß, die Musik ist sehr hübsch, aber der Inhalt des Stückes hat uns garnicht gefallen, es gibt viel zum Lachen, wenig Handlung. Der Film „Maienzeit“ war doch mit seiner ernsten, zu Herzen gehenden Handlung wesentlich besser. Im Berliner Kulturbund werden auch noch zeitweilig Theaterstücke gegeben, leider bekommen wir sie hier nicht zu sehen. In der Erwartung in den nächsten Tagen wieder etwas von Euch zu hören, verbleibe ich mit den allerherzl. u. innigsten Grüßen
    Euer Vater.

Meine Lieben!
Ich hoffe, daß es Euch gut geht und Ihr Pessach recht gut verlebt. Augenblicklich ist nicht viel Neues zu berichten. Edith hat uns diese Woche Butter, Thee und etwas Schokolade geschickt. Ich wünschte ich könnte Euch auch bald etwas schicken. Es grüßt Euch herzlichst Eure Mutter. Viele Grüße von Tante Hanna, Dora u. Jessie.

Am 20. April 1940 sind elf Tage vergangen, seit Norwegen und Dänemark von Hitler angegriffen wurden. Dänemark hat bereits am ersten Tag kapituliert, in Norwegen wird noch gekämpft. Die Zensur verbietet es Walters Eltern, über die Kriegslage zu schreiben, aber Walters und Ernas Situation hat sich dadurch, dass sich die Nationalsozialisten jetzt auf der anderen Seite des Öresunds befinden, radikal verändert.
    Walters Vater Gustav erkundigt sich nach Walters Pass und Arbeitserlaubnis, weil beide am 30. März 1940 abgelaufen sind und das deutsche Konsulat in Malmö den Pass nicht verlängert hat. Tatsächlich hat Walter seine deutsche Staatsbürgerschaft verloren und ist nunmehr staatenlos, was er allerdings noch nicht weiß. Ohne Pass kann er weder eine Arbeits- noch eine Aufenthaltserlaubnis bekommen, da diese in den Pass gestempelt werden, sodass er sich rein formal illegal in Schweden aufhält.
    Die Zensur verbietet es Gustav zudem, über die Untaten der Nationalsozialisten auf heimischem Boden zu berichten, aber wer mit den codierten Mitteilungen innerhalb Familie Wächters vertraut ist, der ahnt, dass Herrn Pralls verstauchter Arm wahrscheinlich das Ergebnis einer Vernehmung durch die Gestapo oder einer Begegnung mit Nazis an einem dunklen Abend ist.
    Matze, Plural matzot, ist das ungesäuerte Brot, das Juden zu Passah essen, um an den überstürzten Auszug aus Ägypten zu erinnern.
    Der Jüdische Kulturbund Hamburg ist der Ort, an dem sich die Juden der Stadt treffen. In den Räumlichkeiten in der Hartungstraße befinden sich ein Restaurant, eine Leihbücherei und einige Versammlungsräume. Das Gebäude ist vor nicht allzu langer Zeit renoviert worden und erst im Januar 1938 eingeweiht worden, um die Hausbühne des Jüdischen Theaters zu bilden. Walters zweitältester Bruder ist Mitglied des Ensembles gewesen. Das Theater hat jedoch bereits im Herbst des Jahres seiner Eröffnung den Spielbetrieb eingestellt, da das Ensemble auseinandergerissen wurde. Seither wird das Theater als Kino genutzt.

Walters Kusine Edith Sonnenberg hält sich in den neutralen Niederlanden auf. Ihr ist es erlaubt, in normalen Geschäften einkaufen zu gehen und sie kann ihrer Tante Minna in Hamburg Butter, Tee und Schokolade schicken.

Dear both,
We haven’t received any mail from you so far this week, and nothing has arrived from the brothers either. Have you received your work permit, dear Walter? And the extension for your passport?
    At present there is nothing to report. We’re still fine. This afternoon we’ve been invited to the Blumenthals, and the Pralls are coming to us tomorrow. He had to take six weeks off work after spraining his left arm.
    Do they eat matzots at Easter where you are? We won’t be having any this year.
    We were disappointed by the film ‘Der Opernball’ [Opera Ball]. The music was nice enough, but we weren’t at all keen on the plot – too many laughs and not enough action. The film ‘Maytime’ with its serious, very affecting plot was considerably better. The Kulturbund [Jewish Cultural Union] in Berlin still puts on a few plays, but we don’t get to see them here, which is a pity. In the hope of hearing from you in the next few days and with fondest good wishes and affection,
    Your Father

Dear both,
I hope you’re both fine and you’re having a good Passover. There’s not much to report at the moment. Edith sent us butter, tea and some chocolate this week. I wish I could send you something too. Fond wishes to you both, Your Mother. Aunt Hanna, Dora and Jessie send their love as well.

On April 20th 1940, eleven days have passed since Norway and Denmark were attacked by Hitler. Denmark capitulated on the very first day; fighting continues in Norway. Censorship prevents Walter’s mother and father from writing about the progress of the war, but Walter and Erna’s situation has radically altered, given that the Nazis are now just across the Sound.
    The reason why Walter’s father, Gustav, asks about Walter’s passport and work permit is that both expired on March 30th 1940, and the German consulate in Malmö has not renewed his passport. In fact, Walter has lost his German citizenship and is now stateless, but as yet he is unaware of this fact. Without a passport it is impossible for him to obtain either a work permit or a residence permit, since these must be stamped in a passport, so from a purely formal point of view, he is in Sweden illegally.
    Censorship also prevents Gustav from writing about what the Nazis are doing on their home territory, but the coded messages in the Wächter family correspondence hint that Herr Prall’s sprained arm is the result of an interrogation by the Gestapo, or an encounter with some Nazis one dark night.
    Matze, plural matzot, is the unleavened bread Jews eat at Passover to remember the flight out of Egypt.
    Der Jüdische Kulturbund Hamburg is the place where the city’s Jews meet. The building on Hartungstraße houses a restaurant, a lending library and a number of meeting rooms. It was renovated comparatively recently, and was in fact opened in January 1938 as the home of Jewish theatre. Walter’s middle brother was a member of the company. But the theatre was closed in the autumn of that same year, because by that time the company had been disbanded. Since then the theatre has been used as a cinema.

Walter’s cousin Edith Sonnenberg is in the Netherlands, which remains a neutral country. She is allowed to buy things in normal shops, and can send butter, tea and chocolate to her aunt Minna in Hamburg.

 

Postkarte 3A

Postkarte 3B

 

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Meine Lieben!
In dieser Woche haben wir von Euch noch keine Post bekommen, auch von den Brüdern ist nichts eingelaufen. Hast Du nun lieber Walter, die Arbeitsgenehmigung erhalten u. ist auch Dein Paß verlängert worden?
    Im Augenblick ist überhaupt nichts Neues zu berichten, es geht uns nach wie vor gut. Heute Nachmittag sind wir bei Blumenthals eingeladen u. morgen kommt Familie Prall zu uns. Er war ja infolge einer Verstauchung des linken Armes 6 Wochen arbeitsunfähig.
    Bekommt Ihr dort zu Ostern auch Matzots? Wir haben in diesem Jahre keine.
    Von dem Film „Der Opernball“ hatten wir uns mehr versprochen. Gewiß, die Musik ist sehr hübsch, aber der Inhalt des Stückes hat uns garnicht gefallen, es gibt viel zum Lachen, wenig Handlung. Der Film „Maienzeit“ war doch mit seiner ernsten, zu Herzen gehenden Handlung wesentlich besser. Im Berliner Kulturbund werden auch noch zeitweilig Theaterstücke gegeben, leider bekommen wir sie hier nicht zu sehen. In der Erwartung in den nächsten Tagen wieder etwas von Euch zu hören, verbleibe ich mit den allerherzl. u. innigsten Grüßen
    Euer Vater.

Meine Lieben!
Ich hoffe, daß es Euch gut geht und Ihr Pessach recht gut verlebt. Augenblicklich ist nicht viel Neues zu berichten. Edith hat uns diese Woche Butter, Thee und etwas Schokolade geschickt. Ich wünschte ich könnte Euch auch bald etwas schicken. Es grüßt Euch herzlichst Eure Mutter. Viele Grüße von Tante Hanna, Dora u. Jessie.

Am 20. April 1940 sind elf Tage vergangen, seit Norwegen und Dänemark von Hitler angegriffen wurden. Dänemark hat bereits am ersten Tag kapituliert, in Norwegen wird noch gekämpft. Die Zensur verbietet es Walters Eltern, über die Kriegslage zu schreiben, aber Walters und Ernas Situation hat sich dadurch, dass sich die Nationalsozialisten jetzt auf der anderen Seite des Öresunds befinden, radikal verändert.
    Walters Vater Gustav erkundigt sich nach Walters Pass und Arbeitserlaubnis, weil beide am 30. März 1940 abgelaufen sind und das deutsche Konsulat in Malmö den Pass nicht verlängert hat. Tatsächlich hat Walter seine deutsche Staatsbürgerschaft verloren und ist nunmehr staatenlos, was er allerdings noch nicht weiß. Ohne Pass kann er weder eine Arbeits- noch eine Aufenthaltserlaubnis bekommen, da diese in den Pass gestempelt werden, sodass er sich rein formal illegal in Schweden aufhält.
    Die Zensur verbietet es Gustav zudem, über die Untaten der Nationalsozialisten auf heimischem Boden zu berichten, aber wer mit den codierten Mitteilungen innerhalb Familie Wächters vertraut ist, der ahnt, dass Herrn Pralls verstauchter Arm wahrscheinlich das Ergebnis einer Vernehmung durch die Gestapo oder einer Begegnung mit Nazis an einem dunklen Abend ist.
    Matze, Plural matzot, ist das ungesäuerte Brot, das Juden zu Passah essen, um an den überstürzten Auszug aus Ägypten zu erinnern.
    Der Jüdische Kulturbund Hamburg ist der Ort, an dem sich die Juden der Stadt treffen. In den Räumlichkeiten in der Hartungstraße befinden sich ein Restaurant, eine Leihbücherei und einige Versammlungsräume. Das Gebäude ist vor nicht allzu langer Zeit renoviert worden und erst im Januar 1938 eingeweiht worden, um die Hausbühne des Jüdischen Theaters zu bilden. Walters zweitältester Bruder ist Mitglied des Ensembles gewesen. Das Theater hat jedoch bereits im Herbst des Jahres seiner Eröffnung den Spielbetrieb eingestellt, da das Ensemble auseinandergerissen wurde. Seither wird das Theater als Kino genutzt.

Walters Kusine Edith Sonnenberg hält sich in den neutralen Niederlanden auf. Ihr ist es erlaubt, in normalen Geschäften einkaufen zu gehen und sie kann ihrer Tante Minna in Hamburg Butter, Tee und Schokolade schicken.

Dear both,
We haven’t received any mail from you so far this week, and nothing has arrived from the brothers either. Have you received your work permit, dear Walter? And the extension for your passport?
    At present there is nothing to report. We’re still fine. This afternoon we’ve been invited to the Blumenthals, and the Pralls are coming to us tomorrow. He had to take six weeks off work after spraining his left arm.
    Do they eat matzots at Easter where you are? We won’t be having any this year.
    We were disappointed by the film ‘Der Opernball’ [Opera Ball]. The music was nice enough, but we weren’t at all keen on the plot – too many laughs and not enough action. The film ‘Maytime’ with its serious, very affecting plot was considerably better. The Kulturbund [Jewish Cultural Union] in Berlin still puts on a few plays, but we don’t get to see them here, which is a pity. In the hope of hearing from you in the next few days and with fondest good wishes and affection,
    Your Father

Dear both,
I hope you’re both fine and you’re having a good Passover. There’s not much to report at the moment. Edith sent us butter, tea and some chocolate this week. I wish I could send you something too. Fond wishes to you both, Your Mother. Aunt Hanna, Dora and Jessie send their love as well.

On April 20th 1940, eleven days have passed since Norway and Denmark were attacked by Hitler. Denmark capitulated on the very first day; fighting continues in Norway. Censorship prevents Walter’s mother and father from writing about the progress of the war, but Walter and Erna’s situation has radically altered, given that the Nazis are now just across the Sound.
    The reason why Walter’s father, Gustav, asks about Walter’s passport and work permit is that both expired on March 30th 1940, and the German consulate in Malmö has not renewed his passport. In fact, Walter has lost his German citizenship and is now stateless, but as yet he is unaware of this fact. Without a passport it is impossible for him to obtain either a work permit or a residence permit, since these must be stamped in a passport, so from a purely formal point of view, he is in Sweden illegally.
    Censorship also prevents Gustav from writing about what the Nazis are doing on their home territory, but the coded messages in the Wächter family correspondence hint that Herr Prall’s sprained arm is the result of an interrogation by the Gestapo, or an encounter with some Nazis one dark night.
    Matze, plural matzot, is the unleavened bread Jews eat at Passover to remember the flight out of Egypt.
    Der Jüdische Kulturbund Hamburg is the place where the city’s Jews meet. The building on Hartungstraße houses a restaurant, a lending library and a number of meeting rooms. It was renovated comparatively recently, and was in fact opened in January 1938 as the home of Jewish theatre. Walter’s middle brother was a member of the company. But the theatre was closed in the autumn of that same year, because by that time the company had been disbanded. Since then the theatre has been used as a cinema.

Walter’s cousin Edith Sonnenberg is in the Netherlands, which remains a neutral country. She is allowed to buy things in normal shops, and can send butter, tea and chocolate to her aunt Minna in Hamburg.

 

Postkarte 3A

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