from Gustav and Minna Wächter, April 6 1940

  • Deutsch
  • Kommentar
  • English
  • Commentary
  • Facsimile

Meine Lieben!
Wir erhielten die Briefe von John u. Max von Euch u. ferner bestätige ich mit bestem Dank den Eingang Eurer Karte vom 28. März am 4. April. Wenn Ihr mal wieder Briefe nachschickt, dann müßt Ihr dies auch vermerken, damit keine Reklamationen kommen. Die Angelegenheit ist ja nunmehr erledigt. Die Prüfstelle konnte doch nicht wissen, daß die Briefe wegen Übergewichts nicht beigefügt waren. Hier ist das Wetter auch noch immer sehr schlecht u. kalt. Von John u. Max haben wir in der letzten Zeit nichts gehört. Von Max bekamen wir gestern einen Brief vom 10. Dezbr., wovon Ihr auch eine Abschrift bekommen habt.
    Dr. Blumenthal ist immer noch in der Schweiz, es hat sich noch nichts geändert.
    Möchtet Ihr schon bald nach Palästina oder ist Euch das einerlei. Wann besteht denn für Euch Aussicht dort hinzukommen? Ich finde, Ihr seid ganz gut dort aufgehoben, so daß es m.E. ganz gut ist, wenn Ihr noch vorläufig dort bleibt.
    Unser Heinerle sitzt im Augenblick wieder bei mir auf dem Schreibtisch u. schnurrt gemütlich, es geht ihm offenbar gut. Er wartet auf Tante Hanna, daß die ihm etwas mitbringt. Heute kann ich Euch nichts weiter mitteilen, da sich nichts von Belang ereignet hat. Es geht uns unberufen gut und das ist die Hauptsache.
    Ich grüße Euch herzl. u. innigst in alter Liebe Euer Vater.

Meine Lieben!
Ich danke Euch recht herzlich für Eure lieben Zeilen. Gestern waren wir bei Sabine. Es war sehr nett. Es gab Gulasch u. Kartoffeln und Pudding. Es war sehr nett. Blumenthals u. alle anderen Gäste lassen Euch recht herzl. grüßen. Tante Hanna, Dora, Jessie und Eure Mutter grüßt Euch auch innigst und herzlichst. Neues gibt es hier nicht. Gruß und Kuß
    Eure Mutter.

Am 6. April 1940 halten sich die drei Brüder Wächter in Brasilien, Argentinien sowie Schweden auf. Ihre Eltern sind in Hamburg geblieben. Für die Polen ist der Weltkrieg seit dem 1. September 1939 grausame Realität, für die Alliierten und die deutsche Heimatfront ist er dagegen vorerst nur ein Krieg auf dem Papier, ein phoney war oder Sitzkrieg, ohne Kampfhandlungen zwischen den Alliierten und Nazideutschland, obwohl Großbritannien und Frankreich ein halbes Jahr zuvor, nur wenige Tage nach Hitlers Überfall auf Polen, Deutschland den Krieg erklärt haben. Die Armeen stehen sich an der deutsch-französischen Grenze Auge in Auge gegenüber und täglich steigen Maschinen der Luftwaffe zu Erkundungsflügen auf. Der erste Fliegeralarm wurde in Hamburg bereits am 4. September 1939 ausgelöst. Das einzige, was die Briten bislang über der Stadt abgeworfen haben, sind jedoch Flugblätter gewesen.
    Walter und Erna scheinen in Schweden relativ sicher zu sein, auch wenn die Führung von Hechaluz die Mitglieder in ihren Rundschreiben auffordert, ein Fahrrad bereit zu halten, um nach Norden zu fahren, falls Schweden in den Krieg hineingezogen werden sollte.
    Die Möglichkeiten, Palästina zu erreichen, sind eingeschränkt. Im Frühjahr 1940 hat die britische Mandatsregierung für Palästina bekanntgegeben, dass im nächsten Halbjahr für insgesamt 9060 Juden ein Palästinazertifikat ausgestellt werden soll und Hechaluz in Schweden werden zur Verteilung unter den 194 Mitgliedern sechs Zertifikate bewilligt. Damit enden die Probleme jedoch noch nicht. Wegen des Krieges muss die Reiseroute von Schweden nach Palästina durch die Sowjetunion führen und die sowjetischen Behörden sind nur gewillt, Transitvisen auszustellen, wenn das nachfolgende Transitland, die Türkei, vorher ein Visum bewilligt. Die Türkei fordert das Gleiche wiederum von Syrien.

Sabine Levy und Anna Blumenthal, die Walter durch seine Mutter Grüße ausrichten lassen, sind zwei ihrer Jugendfreundinnen, Dr. Blumenthal in der Schweiz ist Anna Blumenthals Sohn.

Dear both,
We received the letters that you forwarded from John and Max, as well as your card of 28 March, which arrived on 4 April – many thanks. If you forward letters again, you should mark the envelope to avoid complications. The matter has since been settled. The post office can’t be expected to guess that the letters weren’t included because of the weight. The weather here is very poor, and it’s still very cold. We haven’t heard anything further from John and Max for a while. A letter arrived yesterday from Max, dated 10 Dec – a copy was sent to you as well.
    Dr Blumenthal is still in Switzerland – nothing new to report.
    Are you still hoping to leave for Palestine shortly or is it much of a muchness now? When would you be able to get there? It seems to me that you’re safe enough where you are, so it’s probably not a bad thing if you have to stay put for a while – at least that’s my opinion.
    Our little Heinerle is back on my desk again and purring happily; he seems very contented. He’s waiting for Aunt Hanna, who’s bringing something especially for him. I haven’t got anything more to write for today as nothing of consequence has happened. We’re fine, and that’s the main thing. Heartfelt good wishes and affection to you both,
    Your Ever-Devoted Father

Dear both,
Thank you very much for your lovely card. Yesterday we went to see Sabine. It was a lovely occasion. We had goulash, potatoes and whip for dessert. It was lovely. The Blumenthals and the other guests send their love. Aunt Hanna, Dora, Jessie and your mother also send their heartfelt good wishes and affection to you both. Nothing new to report here. With love and a kiss,
    Your Mother

On April 6th 1940, the three Wächter brothers are in Brazil, Argentina and Sweden respectively. Their mother and father are still in Hamburg. For Poland the war has been a terrible reality since September 1st 1939, but for the Allies and the German home front, it is still a phoney war or Sitzkrieg, with no acts of warfare between the Allies and Nazi Germany. This is in spite of the fact that Britain and France declared war on Germany over six months earlier, just a few days after Hitler invaded Poland. The armies are facing each other on the German – French border, and their air forces are engaged in reconnaissance flights on a daily basis. Hamburg experienced its first air raid warning on September 4th 1939, but the British have dropped nothing but pamphlets on the city so far.
    It looks as if Walter and Erna are relatively safe in Sweden, even if the lead item in Hechaluz’ Rundschreiben urges all its members to have a bicycle at the ready in order to be able to cycle north if Sweden should be drawn into the war.
    The chances of getting to Palestine are limited. During the spring of 1940, the British government in the Mandate of Palestine states that a total of 9,060 Jews will be granted a Palestine certificate during the next six months, and Hechaluz in Sweden will be allocated six certificates to distribute among its 194 members. But the difficulties do not end there. Because of the war, the route from Sweden to Palestine must pass through the Soviet Union, and the Soviet authorities are prepared to issue a transit visa only if the next transit country, Turkey, has approved a visa first. Turkey, in its turn, is demanding the same of Syria.

Sabine Levy and Anna Blumenthal, who send good wishes to Walter through his mother, are two of her childhood friends; Dr Blumenthal in Switzerland is Anna’s son.

 

Postkarte 2A

Postkarte 2B

 

  • Deutsch
  • Kommentar
  • English
  • Commentary
  • Facsimile

Meine Lieben!
Wir erhielten die Briefe von John u. Max von Euch u. ferner bestätige ich mit bestem Dank den Eingang Eurer Karte vom 28. März am 4. April. Wenn Ihr mal wieder Briefe nachschickt, dann müßt Ihr dies auch vermerken, damit keine Reklamationen kommen. Die Angelegenheit ist ja nunmehr erledigt. Die Prüfstelle konnte doch nicht wissen, daß die Briefe wegen Übergewichts nicht beigefügt waren. Hier ist das Wetter auch noch immer sehr schlecht u. kalt. Von John u. Max haben wir in der letzten Zeit nichts gehört. Von Max bekamen wir gestern einen Brief vom 10. Dezbr., wovon Ihr auch eine Abschrift bekommen habt.
    Dr. Blumenthal ist immer noch in der Schweiz, es hat sich noch nichts geändert.
    Möchtet Ihr schon bald nach Palästina oder ist Euch das einerlei. Wann besteht denn für Euch Aussicht dort hinzukommen? Ich finde, Ihr seid ganz gut dort aufgehoben, so daß es m.E. ganz gut ist, wenn Ihr noch vorläufig dort bleibt.
    Unser Heinerle sitzt im Augenblick wieder bei mir auf dem Schreibtisch u. schnurrt gemütlich, es geht ihm offenbar gut. Er wartet auf Tante Hanna, daß die ihm etwas mitbringt. Heute kann ich Euch nichts weiter mitteilen, da sich nichts von Belang ereignet hat. Es geht uns unberufen gut und das ist die Hauptsache.
    Ich grüße Euch herzl. u. innigst in alter Liebe Euer Vater.

Meine Lieben!
Ich danke Euch recht herzlich für Eure lieben Zeilen. Gestern waren wir bei Sabine. Es war sehr nett. Es gab Gulasch u. Kartoffeln und Pudding. Es war sehr nett. Blumenthals u. alle anderen Gäste lassen Euch recht herzl. grüßen. Tante Hanna, Dora, Jessie und Eure Mutter grüßt Euch auch innigst und herzlichst. Neues gibt es hier nicht. Gruß und Kuß
    Eure Mutter.

Am 6. April 1940 halten sich die drei Brüder Wächter in Brasilien, Argentinien sowie Schweden auf. Ihre Eltern sind in Hamburg geblieben. Für die Polen ist der Weltkrieg seit dem 1. September 1939 grausame Realität, für die Alliierten und die deutsche Heimatfront ist er dagegen vorerst nur ein Krieg auf dem Papier, ein phoney war oder Sitzkrieg, ohne Kampfhandlungen zwischen den Alliierten und Nazideutschland, obwohl Großbritannien und Frankreich ein halbes Jahr zuvor, nur wenige Tage nach Hitlers Überfall auf Polen, Deutschland den Krieg erklärt haben. Die Armeen stehen sich an der deutsch-französischen Grenze Auge in Auge gegenüber und täglich steigen Maschinen der Luftwaffe zu Erkundungsflügen auf. Der erste Fliegeralarm wurde in Hamburg bereits am 4. September 1939 ausgelöst. Das einzige, was die Briten bislang über der Stadt abgeworfen haben, sind jedoch Flugblätter gewesen.
    Walter und Erna scheinen in Schweden relativ sicher zu sein, auch wenn die Führung von Hechaluz die Mitglieder in ihren Rundschreiben auffordert, ein Fahrrad bereit zu halten, um nach Norden zu fahren, falls Schweden in den Krieg hineingezogen werden sollte.
    Die Möglichkeiten, Palästina zu erreichen, sind eingeschränkt. Im Frühjahr 1940 hat die britische Mandatsregierung für Palästina bekanntgegeben, dass im nächsten Halbjahr für insgesamt 9060 Juden ein Palästinazertifikat ausgestellt werden soll und Hechaluz in Schweden werden zur Verteilung unter den 194 Mitgliedern sechs Zertifikate bewilligt. Damit enden die Probleme jedoch noch nicht. Wegen des Krieges muss die Reiseroute von Schweden nach Palästina durch die Sowjetunion führen und die sowjetischen Behörden sind nur gewillt, Transitvisen auszustellen, wenn das nachfolgende Transitland, die Türkei, vorher ein Visum bewilligt. Die Türkei fordert das Gleiche wiederum von Syrien.

Sabine Levy und Anna Blumenthal, die Walter durch seine Mutter Grüße ausrichten lassen, sind zwei ihrer Jugendfreundinnen, Dr. Blumenthal in der Schweiz ist Anna Blumenthals Sohn.

Dear both,
We received the letters that you forwarded from John and Max, as well as your card of 28 March, which arrived on 4 April – many thanks. If you forward letters again, you should mark the envelope to avoid complications. The matter has since been settled. The post office can’t be expected to guess that the letters weren’t included because of the weight. The weather here is very poor, and it’s still very cold. We haven’t heard anything further from John and Max for a while. A letter arrived yesterday from Max, dated 10 Dec – a copy was sent to you as well.
    Dr Blumenthal is still in Switzerland – nothing new to report.
    Are you still hoping to leave for Palestine shortly or is it much of a muchness now? When would you be able to get there? It seems to me that you’re safe enough where you are, so it’s probably not a bad thing if you have to stay put for a while – at least that’s my opinion.
    Our little Heinerle is back on my desk again and purring happily; he seems very contented. He’s waiting for Aunt Hanna, who’s bringing something especially for him. I haven’t got anything more to write for today as nothing of consequence has happened. We’re fine, and that’s the main thing. Heartfelt good wishes and affection to you both,
    Your Ever-Devoted Father

Dear both,
Thank you very much for your lovely card. Yesterday we went to see Sabine. It was a lovely occasion. We had goulash, potatoes and whip for dessert. It was lovely. The Blumenthals and the other guests send their love. Aunt Hanna, Dora, Jessie and your mother also send their heartfelt good wishes and affection to you both. Nothing new to report here. With love and a kiss,
    Your Mother

On April 6th 1940, the three Wächter brothers are in Brazil, Argentina and Sweden respectively. Their mother and father are still in Hamburg. For Poland the war has been a terrible reality since September 1st 1939, but for the Allies and the German home front, it is still a phoney war or Sitzkrieg, with no acts of warfare between the Allies and Nazi Germany. This is in spite of the fact that Britain and France declared war on Germany over six months earlier, just a few days after Hitler invaded Poland. The armies are facing each other on the German – French border, and their air forces are engaged in reconnaissance flights on a daily basis. Hamburg experienced its first air raid warning on September 4th 1939, but the British have dropped nothing but pamphlets on the city so far.
    It looks as if Walter and Erna are relatively safe in Sweden, even if the lead item in Hechaluz’ Rundschreiben urges all its members to have a bicycle at the ready in order to be able to cycle north if Sweden should be drawn into the war.
    The chances of getting to Palestine are limited. During the spring of 1940, the British government in the Mandate of Palestine states that a total of 9,060 Jews will be granted a Palestine certificate during the next six months, and Hechaluz in Sweden will be allocated six certificates to distribute among its 194 members. But the difficulties do not end there. Because of the war, the route from Sweden to Palestine must pass through the Soviet Union, and the Soviet authorities are prepared to issue a transit visa only if the next transit country, Turkey, has approved a visa first. Turkey, in its turn, is demanding the same of Syria.

Sabine Levy and Anna Blumenthal, who send good wishes to Walter through his mother, are two of her childhood friends; Dr Blumenthal in Switzerland is Anna’s son.

 

Postkarte 2A

Postkarte 2B

 


2