from Liesbeth Friebel, March 29 1940

  • Deutsch
  • Kommentar
  • English
  • Commentary
  • Facsimile

Lieber Walter,
zu Deiner Karte habe ich mich sehr gefreut. Um so mehr da ich mich damit abgefunden hatte, daß Du keinen Briefverkehr mehr wünschtest. Du kannst mir glauben, daß ich Deinen Standpunkt gut begreifen konnte, und ihn stillschweigend respektierte. Ich kann Dir wirklich nicht beschreiben, wie sehr mich die Karte gefreut hat. Augenblicklich habe ich sehr viel zu tun und keine Ruhe, einen Brief zu schreiben, darum zunächst nur einen kurzen Gruß.
    Daß es Dir gesundheitlich nicht so sehr gut geht, hatte ich bereits erfahren. Ich bin im letzten Jahr haarscharf am Tode vorbeigeschrammt. Ich hatte eine Blinddarmoperation und im Anschluß daran eine Embolie. Aber ganz allmählich erhole ich mich wieder. Leider habe ich mir inzwischen das Rauchen auch sehr angewöhnt. Sonst ist mein Leben in seinen alten Bahnen weitergelaufen.
    Vor kurzem bin ich zum 3. male Tante geworden – Hildes 1. Tochter. Die 2. von Toni ist leider blind.
    Dich interessiert doch sicher auch, was Deine Kameraden machen. Kurt hat kürzlich geheiratet. Heinz ist wieder mit Kurts jüngster Schwester zusammen, die sich hat scheiden lassen. Lammers hat auch geheiratet – eine Frau mit 2 Kindern, das 3. ist seins. Hans ist noch ledig.
    Lieber Walter, Dir wünsche ich alles, alles Gute für Dein ferneres Leben. Ich möchte immer mit Dir in Verbindung bleiben. Grüße auch Deine Braut herzl. von mir und sei Du ganz besonders herzlich gegrüßt
    von Liesbeth.

Am 29. März 1940 schreibt Liesbeth Friebel ihrer Jugendliebe Walter Wächter. Der Anlass für ihre Briefkarte ist, dass Walter ihr geschrieben und mitgeteilt hat, er sei inzwischen mit einer anderen Frau verlobt.
    Liesbeth und Walter haben sich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen. Im März 1935 wurde Walter verhaftet und wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Seither sind sie brieflich in Kontakt geblieben. Seit Walters Haftentlassung ist er auf der Flucht gewesen und seinen Verfolgern mehrfach nur knapp entkommen. Die Kameraden, von denen Liesbeth in ihrer Briefkarte erzählt, wurden etwa zur gleichen Zeit wie Walter verhaftet und verurteilt.
    
Im März 1940 lebt Walter in einer Kommune im südschwedischen Schonen mit fünfzehn anderen jungen Männern und Frauen zusammen, die alle in der Landwirtschaft tätig sind, um sich auf ein Leben im Kibbuz vorzubereiten. Sie nennen sich Plugat Hapatisch, Gruppe Hammer, und gehören zur schwedischen Sektion der linkszionistischen Organisation Hechaluz. Alle Mitglieder von Hechaluz warten auf so genannte Palästinazertifikate, die ihnen die Einreise in das britische Mandatsgebiet Palästina erlaubt. Hechaluz hat Walter geholfen, aus Deutschland zu fliehen und illegal die Grenzen zwischen einer Handvoll Ländern zu überqueren, hat dafür gesorgt, dass er freigelassen wurde, wenn die Grenzpolizei ihn geschnappt hatte, und seine Fahrkarten, seinen Lebensunterhalt und ein Taschengeld gezahlt. Kurzum, Hechaluz hat ihm das Leben gerettet. Seine neue Frau, Erna Schwartz, ist ebenfalls Mitglied von Hechaluz und der Gruppe Hammer.

Liesbeths Briefkarte entbindet Walter von den Versprechen, die er ihr früher gegeben hat. Sie zieht einen Schlussstrich unter eine Sehnsucht, die ihn durch Jahre der Gefangenschaft und Flucht getragen und viele Male vor dem Aufgeben bewahrt hat. Gleichzeitig ist sie eine schmerzliche Erinnerung daran, dass er sich geirrt hat - die Barbarei hat sich als stärker erwiesen als die Liebe.

Dear Walter,
It was such a joy to receive your card – all the more so since I had come to accept that you didn’t wish to correspond. I want you to know that deep down I understood and respected your stance. I can’t begin to describe how delighted I was to get your card. I’m terribly busy at the moment and there isn’t time for a proper letter, so this note will have to do.
    I’d already heard that your health wasn’t good. Last year I came very close to death. I had an appendectomy, which led to an embolism. But I’m recovering little by little. Sadly, I’m very fond of smoking these days. Otherwise, life has continued along much the same lines.
    Recently I became an aunt for the third time – Hilde’s 1st daughter. Toni’s 2nd is blind, I’m afraid.
    I’m sure you want to hear about your old friends. Kurt got married recently. Heinz is back with Kurt’s youngest sister, who is divorced. Lammers is married as well – his wife had two children already; the third is his. Hans is still single.
    Dear Walter, I wish you all the very, very best for the future. I should like to stay in touch always. Heartfelt good wishes to your bride-to-be and most especially to you,
    Liesbeth

On March 29th 1940, Liesbeth Friebel writes to Walter Wächter, her sweetheart since schooldays. The reason for her postcard is that Walter has written to her and told her he is engaged to another woman.
    Liesbeth and Walter have not seen each other for several years. In March 1935, Walter was arrested and sentenced to three years’ imprisonment for Vorbereitung zum Hochverat, preparing to commit high treason. Since then they have kept in touch by letter. Ever since Walter’s release he has been on the run, and on several occasions he has escaped his pursuers only by the narrowest of margins. The friends Liesbeth mentions were arrested and sentenced at approximately the same time as Walter.
    
In March 1940, Walter is living on a collective farm in Skåne in southern Sweden together with approximately fifteen other young men and women, all working in agriculture in order to prepare themselves for life on a kibbutz. They call themselves Plugat Hapatisch, the Hammer group, and they form part of the Swedish branch of the left-wing Zionist organisation Hechaluz. All the members of Hechaluz are waiting for the Palestine Certificate, which grants permission to enter the British Mandate of Palestine. It is Hechaluz that has helped Walter to escape from Germany and to cross the borders illegally between a handful of countries; it has ensured that he was released when he was held by border guards, it has paid for his tickets and subsistence, and provided him with pocket money. To put it briefly, Hechaluz has saved his life. The new woman in his life, Erna Schwartz, is also a member of Hechaluz and the Hammer group.

Liesbeth’s postcard releases Walter from the promises he once made her. It draws a line under a longing that has carried him through years of imprisonment and flight, a longing that stopped him from giving up on many occasions. At the same time it is a painful reminder that he was wrong; barbarism has proved stronger than love.

Postkarte 1A

Postkarte 1B

  • Deutsch
  • Kommentar
  • English
  • Commentary
  • Facsimile

Lieber Walter,
zu Deiner Karte habe ich mich sehr gefreut. Um so mehr da ich mich damit abgefunden hatte, daß Du keinen Briefverkehr mehr wünschtest. Du kannst mir glauben, daß ich Deinen Standpunkt gut begreifen konnte, und ihn stillschweigend respektierte. Ich kann Dir wirklich nicht beschreiben, wie sehr mich die Karte gefreut hat. Augenblicklich habe ich sehr viel zu tun und keine Ruhe, einen Brief zu schreiben, darum zunächst nur einen kurzen Gruß.
    Daß es Dir gesundheitlich nicht so sehr gut geht, hatte ich bereits erfahren. Ich bin im letzten Jahr haarscharf am Tode vorbeigeschrammt. Ich hatte eine Blinddarmoperation und im Anschluß daran eine Embolie. Aber ganz allmählich erhole ich mich wieder. Leider habe ich mir inzwischen das Rauchen auch sehr angewöhnt. Sonst ist mein Leben in seinen alten Bahnen weitergelaufen.
    Vor kurzem bin ich zum 3. male Tante geworden – Hildes 1. Tochter. Die 2. von Toni ist leider blind.
    Dich interessiert doch sicher auch, was Deine Kameraden machen. Kurt hat kürzlich geheiratet. Heinz ist wieder mit Kurts jüngster Schwester zusammen, die sich hat scheiden lassen. Lammers hat auch geheiratet – eine Frau mit 2 Kindern, das 3. ist seins. Hans ist noch ledig.
    Lieber Walter, Dir wünsche ich alles, alles Gute für Dein ferneres Leben. Ich möchte immer mit Dir in Verbindung bleiben. Grüße auch Deine Braut herzl. von mir und sei Du ganz besonders herzlich gegrüßt
    von Liesbeth.

Am 29. März 1940 schreibt Liesbeth Friebel ihrer Jugendliebe Walter Wächter. Der Anlass für ihre Briefkarte ist, dass Walter ihr geschrieben und mitgeteilt hat, er sei inzwischen mit einer anderen Frau verlobt.
    Liesbeth und Walter haben sich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen. Im März 1935 wurde Walter verhaftet und wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Seither sind sie brieflich in Kontakt geblieben. Seit Walters Haftentlassung ist er auf der Flucht gewesen und seinen Verfolgern mehrfach nur knapp entkommen. Die Kameraden, von denen Liesbeth in ihrer Briefkarte erzählt, wurden etwa zur gleichen Zeit wie Walter verhaftet und verurteilt.
    
Im März 1940 lebt Walter in einer Kommune im südschwedischen Schonen mit fünfzehn anderen jungen Männern und Frauen zusammen, die alle in der Landwirtschaft tätig sind, um sich auf ein Leben im Kibbuz vorzubereiten. Sie nennen sich Plugat Hapatisch, Gruppe Hammer, und gehören zur schwedischen Sektion der linkszionistischen Organisation Hechaluz. Alle Mitglieder von Hechaluz warten auf so genannte Palästinazertifikate, die ihnen die Einreise in das britische Mandatsgebiet Palästina erlaubt. Hechaluz hat Walter geholfen, aus Deutschland zu fliehen und illegal die Grenzen zwischen einer Handvoll Ländern zu überqueren, hat dafür gesorgt, dass er freigelassen wurde, wenn die Grenzpolizei ihn geschnappt hatte, und seine Fahrkarten, seinen Lebensunterhalt und ein Taschengeld gezahlt. Kurzum, Hechaluz hat ihm das Leben gerettet. Seine neue Frau, Erna Schwartz, ist ebenfalls Mitglied von Hechaluz und der Gruppe Hammer.

Liesbeths Briefkarte entbindet Walter von den Versprechen, die er ihr früher gegeben hat. Sie zieht einen Schlussstrich unter eine Sehnsucht, die ihn durch Jahre der Gefangenschaft und Flucht getragen und viele Male vor dem Aufgeben bewahrt hat. Gleichzeitig ist sie eine schmerzliche Erinnerung daran, dass er sich geirrt hat - die Barbarei hat sich als stärker erwiesen als die Liebe.

Dear Walter,
It was such a joy to receive your card – all the more so since I had come to accept that you didn’t wish to correspond. I want you to know that deep down I understood and respected your stance. I can’t begin to describe how delighted I was to get your card. I’m terribly busy at the moment and there isn’t time for a proper letter, so this note will have to do.
    I’d already heard that your health wasn’t good. Last year I came very close to death. I had an appendectomy, which led to an embolism. But I’m recovering little by little. Sadly, I’m very fond of smoking these days. Otherwise, life has continued along much the same lines.
    Recently I became an aunt for the third time – Hilde’s 1st daughter. Toni’s 2nd is blind, I’m afraid.
    I’m sure you want to hear about your old friends. Kurt got married recently. Heinz is back with Kurt’s youngest sister, who is divorced. Lammers is married as well – his wife had two children already; the third is his. Hans is still single.
    Dear Walter, I wish you all the very, very best for the future. I should like to stay in touch always. Heartfelt good wishes to your bride-to-be and most especially to you,
    Liesbeth

On March 29th 1940, Liesbeth Friebel writes to Walter Wächter, her sweetheart since schooldays. The reason for her postcard is that Walter has written to her and told her he is engaged to another woman.
    Liesbeth and Walter have not seen each other for several years. In March 1935, Walter was arrested and sentenced to three years’ imprisonment for Vorbereitung zum Hochverat, preparing to commit high treason. Since then they have kept in touch by letter. Ever since Walter’s release he has been on the run, and on several occasions he has escaped his pursuers only by the narrowest of margins. The friends Liesbeth mentions were arrested and sentenced at approximately the same time as Walter.
    
In March 1940, Walter is living on a collective farm in Skåne in southern Sweden together with approximately fifteen other young men and women, all working in agriculture in order to prepare themselves for life on a kibbutz. They call themselves Plugat Hapatisch, the Hammer group, and they form part of the Swedish branch of the left-wing Zionist organisation Hechaluz. All the members of Hechaluz are waiting for the Palestine Certificate, which grants permission to enter the British Mandate of Palestine. It is Hechaluz that has helped Walter to escape from Germany and to cross the borders illegally between a handful of countries; it has ensured that he was released when he was held by border guards, it has paid for his tickets and subsistence, and provided him with pocket money. To put it briefly, Hechaluz has saved his life. The new woman in his life, Erna Schwartz, is also a member of Hechaluz and the Hammer group.

Liesbeth’s postcard releases Walter from the promises he once made her. It draws a line under a longing that has carried him through years of imprisonment and flight, a longing that stopped him from giving up on many occasions. At the same time it is a painful reminder that he was wrong; barbarism has proved stronger than love.

Postkarte 1A

Postkarte 1B


1